5 Sterne für eine Nacht

Heimattage: “Genuss trifft Kunst” – 5 Sterne für eine Nacht

Heimattage – Was das Land zu bieten hat: Die besten Köche zaubern für 120 Gäste in der Heizelmann-Kantine

REUTLINGEN. Wie sich vergänglicher Genuss noch steigern lässt, wenn er einmalig wird, kaum wiederbringbar und nur für den Augenblick geschaffen, zeigten fünf Spitzenköche in der ehemaligen Kantine der stillgelegten Heinzelmann-Fabrik in der Planie 22. Für eine Nacht und keine Stunde länger verwandelten sie das »Artificium« mit geballter Küchenkompetenz zum vorübergehend wohl besten Speiselokal des Landes. Zwölf Künstlerinnen setzten optische Glanzpunkte, jede auf ihre Art – dies alles mit dem Charme der Kurzfristigkeit gesegnet. So schön war’s nur einmal, so wird’s nie wieder sein. Das hat Gründe.

Reutlinger General-Anzeiger - 5 Sterne für eine Nacht

»Wir haben in der Küche Party ohne Ende«

»Fürs uns ist es wie Urlaub, wir haben in der Küche Party ohne Ende«, jubelte Simon Tress (Rose, Hayingen-Ehestetten). Wie Urlaub sah das nicht gerade aus, was er und die anderen Jungs auf die Teller brachten. »Sechserlei vom Albbüffel« – manches davon war »schon ein bisschen durchgeknallt«, gab Tress gerne zu.

Durchgeknallt oder exzentrisch – die Pralinen von Gerd Windhösel (Hirsch, Sonnenbühl-Erpfingen), unter anderem mit »gekochter Zunge«, oder die »Forellenweißwurst« von Ralf Jakumeit (Rocking Chefs, Stuttgart) hatten die wenigsten bisher auf der Zunge.

Dass man barocken Apfelstrudel in seine Einzelteile zerlegen und im minimalistischen Bauhaustil anrichten kann, zeigte Peter Scharff (Kulinarische Kompetenz, Wartenberg-Rohrbach). Und Michael Durach (Kleber-Post, Bad Saulgau) löste mit »Flusskrebsen aus der Iller« Diskussionen darüber aus, ob es dort überhaupt Flusskrebse gibt.

Dieter Heidecker, Wirt des Württemberger Hofs und an diesem Abend Gast wie alle anderen, hatte nachmittags mit der Verwandtschaft im Allgäu telefoniert und brachte die Botschaft mit, dass die Tierchen »bestenfalls aus dem Grüntensee oder aus dem Rottach-Speicher« stammen könnten. Richtig oder falsch, der Name ist entscheidend: »Flusskrebse aus dem Speicher« kämen auf keine Speisekarte.

Dafür waren die Weine über alle Zweifel erhaben. Selbst eine »Beerenauslese«, die den Apfelstrudel in seine barocke Form zurück brachte, war fantastisch, weil erheiternd und gesprächsfördernd.
Ließe sich alles andere wiederholen, was wohl auch beabsichtigt ist: die Heinzelmann-Fabrik dürfte zum ersten und letzten Mal Ort des Geschehens gewesen sein. Zu streng sind die Auflagen, die Karin Zäh und Gabriele Janz bis kurz vor Beginn in arge Bedrängnis brachten.

Allein die Brandschutz-Bestimmungen, von städtischer Seite eng ausgelegt, zwangen die Organisatorinnen, extra für diesen Abend eine Außentreppe in den dritten Stock bauen zu lassen. Dabei wären Zäh und Janz sogar bereit gewesen, auf jedem Stockwerk Feuerwachen und im Hof ein Feuerwehrauto zu postieren – die Stadt ließ nicht mit sich reden.

Der fünfstellige Betrag für die provisorische Treppe wurde schließlich von Sponsoren geschultert – er hätte den Erlös des Abends aufgefressen, der für einen guten Zweck gedacht ist: für das Reutlinger Frauenhaus. Dieses lag Karin Zäh schon in ihrer Zeit als Kommunalpolitikerin am Herzen, die Bewohnerinnen, aber auch die Helferinnen, die »am Rande der Selbstausbeutung« tätig seien. »Wir trauen uns, sie damit zu konfrontieren«, sagte Zäh am Ende des Abends vor der fröhlichen Festgesellschaft.

Diese hatte durchaus begriffen, worum es geht, rauchte, wenn überhaupt, aus Brandschutzgründen auf dem Balkon, und fütterte die Sparbüchse am Ausgang nach Kräften. Die Köche hatten aufs Honorar verzichtet. Für sie war’s wohl eine Art Sport: Jeder musste für seine Kreation mit Material auskommen, das nicht mehr als zehn Euro pro Gast kosten durfte. Geschafft haben es alle. Man sieht: die neue Bescheidenheit kann auch Spaß machen.

Hans Jörg Conzelmann (GEA)